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SHARED SPACE

 

Lebenswerte Städte durch Shared Space

Shared Space?
Ein Begriff den nicht nur Kommunalpolitiker neuerdings öfter hören. Was steckt eigentlich dahinter? Shared Space wurde von Hans Monderman nach seinem Motto „Unsicherheit schafft Sicherheit“ und dem Keuning Instituut entwickelt und in konkreten Projekten weiter ausgearbeitet, die das Ziel verfolgen eine freiwillige Verhaltensänderung aller Nutzer des öffentlichen Raumes durch entsprechende Verkehrsraumgestaltung herbeizuführen. Er leitete auch das europäische Kooperationsprojekt, das vom europäischen Interreg IIIB North Sea Programm gefördert wurde (http://www.shared-space.de), woran folgende europäischen Gemeinden beteiligt waren:

Projektziel: Entwicklung neuer Gestaltungskonzepte für Straßenverkehrsräume, die geeignet sind alle Funktionen gleichberechtigt zu berücksichtigen. In Deutschland gibt es nur das bisher erfolgreich verlaufende Modellprojekt in Bohmte. In Kevelaer und Bochholt existieren vergleichbare Projekte, die aber nicht Teil des EU-Programms sind. In Hamburg will die CDU/GAL-Koalition in jedem Bezirk ein Shared-Space-Projekt verwirklichen. In Berlin laufen derzeit auch Diskussionen zur Einführung von Shared Space in bestimmten Straßenzügen.


Die Theorie:
Bei Shared Space orientiert sich die Gestaltung am Mischungsprinzip. Zusätzlich wird weitgehend auf Verkehrsschilder, Markierungen und Ampeln verzichtet. Dadurch wird erreicht, dass sich der Autoverkehr rücksichtsvoller ins menschliche Miteinander aus Fußgängern, Radfahrern und spielenden Kindern einfügt. Die Verkehrssicherheit und die Aufenthaltsqualität erhöhen sich. Das führt dazu, dass im Zweifelsfall der Weg der Kommunikation gesucht und das Fahrzeug gestoppt wird, anstatt den Verkehrsteilnehmer dazu zu verleiten auf sein Recht zu bestehen, das ihm die Verkehrschilder unter herkömmlichen Umständen zu gestehen. Die scheinbare Unsicherheit führt zur Entschleunigung des Verkehrs. Die Kern-Idee von Shared Space: Verkehrsregeln sollen durch soziale Regeln ersetzt werden. Das Verhältnis der Verkehrsteilnehmer soll durch Blickkontakt so verändert werden, dass die Rücksichtnahme steigt. So gilt „ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht“, wie im § 1 der StVO gefordert.
Soweit zur Theorie. Aber wie sieht die Praxis aus, die in Bohmte, eine kleine Gemeinde mit 13.600 Einwohnern unweit von Osnabrück, seid einem halben Jahr studiert werden kann.


Das Projekt:
Die Gelegenheit für ein Shared-Space-Projekt war gut, denn fast alle in der Gemeinde Bohmte - die sich wunderten, dass der meiste Verkehr vor Ihrer Haustür hausgemacht ist – wollten die Situation ändern. Die alte Straße machte einen schlechten Eindruck.

Gemeinde Bohmte Gemeinde Bohmte
 Gemeinde Bohmte

Um den Kritikern die Gelegenheit zur Diskussion zu geben, wurde eine Einwohnerversammlung durchgeführt. Das baut Ängste und Vorbehalte ab. Außerdem mussten die Behörden überzeugt werden, denn es handelt sich um eine Landesstraße (L 81, Bremer Straße) mit 12.600 Kfz/Tag.
Die wichtigste Vereinbarung mit dem Land Niedersachsen und dem Landkreis Osnabrück: Bohmte ist für die Unterhaltung zuständig und muss die Versicherungspflicht für den Abschnitt des Pilotprojektes übernehmen. Wenn das Projekt scheitert, droht der Gemeinde Bohmte im Extremfall die Übernahme der Rückbaukosten.


Die Praxis:
Seit einem halben Jahr kein einziger Unfall. Wer die Straße entlang geht, spürt deutlich weniger Lärm, weil der Stopp-And-Go-Verkehr wegfällt. Der Verkehr ist wirklich flüssig. Auch die Lkw reihen sich ohne Probleme ein.
Gemeinde Bohmte Gemeinde Bohmte
Gemeinde Bohmte Gemeinde Bohmte

Auf dem Platz, der eine kreisrunde Kreuzung, aber kein Kreisverkehr darstellt, wird mal links und mal rechts von der Mitte vorbeigefahren. Der Fahrradverkehr spielt sich sowohl auf der Straße als auch auf dem „gedachten“ Fußweg ab, der lediglich durch einen profilierten Blindenleitstreifen begrenzt wird.


Gemeinde Bohmte Gemeinde Bohmte
Gemeinde Bohmte Gemeinde Bohmte

So „sehen“ nicht nur Kinder, sondern auch Sehbehinderte, wo der Fahrweg beginnt. Fußgängerüberwege sind überflüssig. Besonders für Kindern, die nur das „alte System“ kennen und die gelernt haben, dass sie stets nur an gesicherten Überwegen die Straße überqueren sollen, wurden gegenüberliegende, kleine Felder errichtet, die auch aus Blindenleitprofilen bestehen.

Gemeinde Bohmte

Sie dienen als Orientierungspunkte für die Überquerung der Straße. Wollen Kinder die Straße überqueren, dann zeigen sie das manchmal per Handzeichen. Das Fahrzeug bleibt stehen und der sichere Weg ist frei.
Der Verkehr ist insgesamt sicher, die Aufenthaltsqualität und damit der Lebenswert des Ortes ist gestiegen. Alle fühlen sich wohl. Wer glaubt es herrsche das Chaos, der irrt. Von Orientierungslosigkeit keine Spur, wohl aber von gegenseitiger Rücksichtnahme.
Vorteil für den Fuß- und Fahrradverkehr: mehr Sicherheit durch reduzierte Geschwindigkeit. Vorteil für den Autoverkehr: Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, denn die stellt sich von selber ein. Und wenn es zu Schwachverkehrszeiten mal schneller gehen soll, dann geht auch das. Natürlich nur mit der für geschlossene Ortschaften üblichen Geschwindigkeit von 50 km/h.


Erste Erkenntnisse:
Aus den ausländischen Shared-Space-Projekten ergeben sich schon erste Erkenntnisse, obwohl ausführliche Analysen noch ausstehen. Ein „aufgeräumtes“ Straßenbild trägt entscheidend zur Verkehrssicherheit bei, weil es für gute Sichtbeziehungen sorgt. Gute Sichtbeziehungen lassen sich am Besten erreichen, indem der ruhende Verkehr fast vollständig verbannt wird. Angenehmer Nebeneffekt: Die neue Übersichtlichkeit trägt auch zur Verbesserung der Straßenraumgestaltung und damit zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität bei.
Für Straßen und Straßenkreuzungen, für die sich Shared Space eignet, bietet sich ein Umbau an, wenn ohnehin die Sanierung des Kanals oder der Straßendecke ansteht.
Vorteil für den Einzelhandel: Besonders kleine Gemeinden, deren Geschäfte zum Teil vom durchfließenden Verkehr abhängen, brauchen keine Bedenken zu haben, dass die Kunden wegbleiben, weil der Autoverkehr nicht durch eine teure Umgehungsstraße verlagert wird, damit die so genannte Laufkundschaft sich weniger gestört fühlt, die dann aber ausbleibt, weil sie mit dem Auto die nächste Gemeinde aufsucht.
Ein baufertiges Konzept gibt es jedoch nicht. Jedes Problem vor Ort braucht eine maßgeschneiderte Lösung, die sich an die räumlichen Verhältnisse orientieren.

 

 

 

 
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