Interview mit Herrn Dr. Toni Hofreiter MdB
Aktion gegen SUV
GENDER MAINSTREAMING
Gender Mainstreaming in der Verkehrs- und Stadtplanung….
…. Ein Thema, das im ersten Moment wahnsinnig theorielastig und sperrig wirkt! Was steckt dahinter? Mit Hilfe des so genannten „Gender Walks“ lässt es sich gut darstellen, was das im Alltag bedeutet:

Schon mal versucht, mit einem Kinderwagen, einem zweiten Kind an der Hand und einer voll bepackten Einkaufstasche eine Kreuzung zu überqueren oder, noch schlimmer, in die Straßenbahn zu steigen? Oder mit Fahrrad und Kinderanhänger zur Hauptverkehrszeit eine zugeparkte Straße entlang zu fahren, eine hupende Meute im Rücken? Oder nachts durch einen Park zu laufen, weil es schneller geht – und wieder mal tausend Tode dabei zu sterben, weil nix beleuchtet ist und einem doch der Gedanke kommt, was wäre, wenn...? Das Risiko, einem Gewaltverbrechen oder Sexualdelikt zum Opfer zu fallen, ist relativ gering. Dennoch: Wer plant eigentlich die Straßenführung, die Siedlungsstruktur, die Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel? Welche Kriterien werden dabei angewandt? Gemeinsam mit Judith Greif, Bundestags-Direktkandidatin für München-Nord, haben wir den „Praxis-Test“ gemacht:

Einmal quer durch Schwabing – gestartet sind wir am Hohenzollernplatz, durch die gleichnamige Straße bis zum Kurfürstenplatz, dann die Belgradstraße hoch zum Scheidplatz und schließlich durch den Luitpoldpark. Als wir so versuchten, ein Stück Wegs mit der „Gender-Brille“ zu laufen, ist uns allen aufgefallen, dass man dabei wirklich Dinge sieht, die einem im Alltag nicht auffallen – die aber für viele Menschen zu Stressfaktoren werden. So wird einem deutlich, dass es mit Kindern oder auch für SeniorInnen geradezu halsbrecherisch werden kann, in den Bus zu steigen, wenn genau zwischen dem Wartehäuschen und dem Einstiegplatz ein Fahrradweg, noch dazu ohne Markierung, verläuft, wie zum Beispiel direkt am Hohenzollernplatz. Man sieht Tausende von Fahrrädern kreuz und quer geparkt, einfach weil Abstellmöglichkeiten fehlen, und kann sich vorstellen, welch ein Problem das das z. B. für Blinde darstellen muss. Geradezu abenteuerlich muten manche Umsteigeplätze an, die so verwirrend angelegt sind, dass man wahrscheinlich so lange braucht, um zu sehen, wo der weiterführende Bus losfährt, dass er in der Zwischenzeit längst weg ist. Wer das testen möchte, sollte mal am Kurfürstenplatz versuchen umzusteigen! Noch besser wäre es evtl. einen Gender Walk am Abend bzw. im Dunklen zu machen, aber auch so konnten wir uns alle gut vorstellen, dass der Scheidplatz für eine Frau nachts ganz schön gruselig sein kann, die aus- oder umsteigen will in U-Bahn, Straßenbahn oder Bus.
Gender Walks sind also Spaziergänge durch unsere Städte, bei denen sich aufzeigen lässt, wo es zu „Gender-Fallen“ kommt: Wo es zum Beispiel für Frauen unsicher erscheint, wo vielleicht ein Park&Ride-Platz vollkommen abgelegen und dunkel ist oder wo Fahrradwege quasi unbeleuchtet sind – und damit oftmals gemieden werden. Man könnte zur Veranschaulichung einen Zwillingskinderwagen mitführen, nur um zu demonstrieren, wo es für Mütter oder auch Väter mit solchen Wägen schier unmöglich wird zu passieren. Des Weiteren kann beobachtet werden, wer sich überhaupt in öffentlichen Parkanlagen aufhält, wer die Bolz- und Spielplätze nutzt und vieles mehr.
Wer erst einmal anfängt Beispiele zu suchen, welche massiven Auswirkungen die Stadt- und Verkehrsplanung auf unser aller Alltagsleben hat, die oder der findet mehr als genug Beispiele – und vor allem merkt man dabei, dass die Planenden in der Regel nicht die sind, die sich gut in ältere oder kranke Menschen hinein versetzen können. Es sind in der Regel auch nicht die Leute, die täglich viele verschiedene Wege zurück legen (müssen), um die sog. „Versorgungsarbeit“ für die Familien zu erledigen. Diese Planer (in der Regel Männer) wissen selten, welche Bedürfnisse eine allein erziehende Mutter, eine junge Familie ohne Auto oder eine Studentin nachts um fünf haben: Sicher nach Hause kommen oder das tägliche Leben zwischen Kindergarten, Büro, Arztbesuch, Supermarkt und der Oma im Altenheim organisieren. Nicht nur, weil sie hauptsächlich ihre eigenen Interessen im Blick haben, sondern weil kaum ein Mann und auch kaum eine Frau sich wirklich in eine Lebenswelt hinein versetzen kann, die nicht die eigene ist.
Aber es ist eben der Zugang zur „Mobilität“, der wie kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich die unterschiedlichen Lebensentwürfe beeinflusst und daher ist es gerade im Bereich Verkehrs- und Stadtplanung wichtig, zu sehen, wo was wie und für wen geplant und gebaut wird. Bestehende Unterschiede zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, Stark und Schwach, Klein und Groß, Mann und Frau werden hier besonders deutlich und entscheiden über die Teilhabe am öffentlichen Leben. Gender Mainstreaming kann hier mehr Zugangsgerechtigkeit bewirken, indem Strukturen optimaler an den verschiedenen Bedürfnissen ausgerichtet und somit ein effizienterer Einsatz der Mittel erreicht wird. Es ist ein grünes Ziel, diesen Ansatz stärker und vor allem qualitativ besser in der Stadt- und Verkehrsplanung zu berücksichtigen.
Der „Gender Walk“ wurde übrigens im Rahmen der internationalen Lernpartnerschaft REALGEM 2006 (Gender Meets Reality) als Methode etabliert, zum ersten Mal am Potsdamer Platz in Berlin durchgeführt und in Barcelona und Graz weiterentwickelt.
Zum Weiterlesen:
http://www-gewi.uni-graz.at/grelle.musik/music-digCulture/files/Elli_Scambor_gender_map_judenburg07.pdf
http://www.jdbg.at/gender_map/gender_walk.html
Vielleicht bekommt der eine oder die andere von euch Lust selber so einen Stadtrundgang zu organisieren und damit Verkehrspolitik auch mal für neue Gruppen zu erschließen und spannend zu machen.
Gender Mainstreaming als Planungsinstrument im öffentlichen Raum
Der Zugang zur „Mobilität“ symbolisiert wie kaum ein anderes
gesellschaftliches Verhalten die unterschiedlichen Lebensentwürfe
von verschiedenen Menschen. Bestehende Unterschiede zwischen alt
und jung, arm und reich, stark und schwach, klein und groß, Mann
und Frau werden hier am deutlichsten und entscheiden über die Teilhabe
am öffentlichen
Leben. Gender Mainstreaming kann mehr Zugangsgerechtigkeit bewirken,
indem Strukturen optimaler an den verschiedenen Bedürfnissen ausgerichtet
und somit ein effizienterer Einsatz der Mittel erreicht wird.
Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten werden durch die von Männern dominierte planerische Ausgestaltung der Wohnstätten, der Wohnumgebungen und des Verkehrs verstärkt. „Verkehrsplaner lieben Autos!“ Auch wenn die Führerschein- und Autobesitzerinnen stetig zunehmen, sind es vor allem die Frauen, Mädchen und alten Menschen in unserer Gesellschaft, die die Konsequenzen der autofokussierten Stadtplanung tragen müssen.
So hat sich zum Beispiel mit der steigenden Motorisierung für viele Menschen vor allen in den Klein- und Mittelstädten das Einkaufsverhalten geändert. Statt auf dem Heimweg notwendige Güter des täglichen Bedarfs zu erstehen, wird heute ein bis zweimal pro Woche ein Großeinkauf mit dem Auto getätigt und die Entfernung zum nächsten Geschäft spielt eine untergeordnete Rolle.
Das Radfahren in der Stadt ist vielen Menschen nicht sicher genug, das Radwegenetz lückenhaft, viele Kreuzungen gefährlich. Auch der ÖPNV ist unzureichend, kompliziert und wenig komfortabel gestaltet.
Wir werden die Zukunft neu denken müssen. Das Wohnen und die Mobilität der Zukunft werden weitgehend ohne fossile Energien auskommen müssen. Dieser Veränderungsprozess wird alle Teile der unserer Bevölkerung betreffen und kann nur erfolgreich gelingen wenn ALLE beteiligt werden.
Gender Mainstreaming in der Stadt- und Verkehrsplanung ist dafür eine sinnvolle und notwendige Strategie.
Lesen Sie hierzu folgende Artikel aus:
Basisbrief
AKP
1/2007: Gender Mainstreaming
| ALLGEMEINE INFOS ZUM THEMA | |
|---|---|
| Datum | Titel |
| 26.01.2009 |
Bericht: Dokumentation des Fachgesprächs „Gender Mainstreaming (GM) als Planungsinstrument im öffentlichen Raum“ am 26. Januar 2009 in Berlin |
| 29.10.2008 |
Positionspapier: Wohnungs und Verkehrspolitik für ALLE: Gender Mainstreaming als Planungsinstrument im öffentlichen Raum Bettina Herlitzius MdB, Dr. Anton Hofreiter MdB |
| 25.10.2008 |
Hintergrundinfo: Gender Mainstreaming als Planungsinstrument im öffentlichen Raum |
| 18.11.2006 |
Bericht: Was bringt Gender Mainstreaming den Kommunen beim Städtebau? Ergebnisse und Beispiele aus einem bundesweiten Forschungsprojekt |
| 18.11.2006 |
Bericht: Dokumentation der Veranstaltung Gender Mainstreaming (GM) im Städtebau am 18.11. in Nürnberg |
| AKTUELLE DOKUMENTE | |
|---|---|
| Datum | Titel |
| Es sind keine Dokumente vorhanden. | |
| DOKUMENTE DER WAHLPERIODE 2005-2009 | |
|---|---|
| Datum | Titel |
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